INITIANTEN

 

(Brief der Stiftung „PRO MARIGNANO“ 1965 an die Eidgenossen geschrieben)


 

Liebe Miteidgenossen!

Am kommenden 14. September 1965 jährt sich zum 450. male der Tag von Marignano.

 

Unsere Pflicht ist es, diesen Gedenktag würdig zu feiern. Denn Marignano ist der Wendepunkt in unserer neueren Schweizergeschichte. In allem Tragischen, das mit jenem Ereignis verbunden war, bedeutet es die Wende zum Heil, den Übergang von Kriegs - und Grossmachtträumen zu einer konsequenten Friedens - und Neutralitätspolitik in den europäischen Händeln.


 

Wie es zur Schlacht von Marignano am 13./14. September 1515 kam, ist uns wohl allen von Jugend auf vertraut. In den Burgunder - und Schwabenkriegen waren Kraft und Kunst des schweizerischen Kriegertums zu europäischen Ansehen emporgestiegen. Kaiser und Könige, Päpste und Herzöge rissen sich um die tapferen Söldner aus unsern Alpentälern. Was aber jene 20.000 Eidgenossen in den Augusttagen 1515 über die Bergpässe nach Mailand trieb, war nicht nur der Hunger nach fremdem Gold oder die drängende Not des Bevölkerungsüberschusses in den heimischen Tälern. Durch vorangehende Feldzüge waren die Eidgenossen sozusagen Herren der Lombardei geworden.

Ein geeintes Italien, eine starke Eidgenossenschaft an der Flanke dieses Nationalstaates, schweizerische Herrschaft über die Lombardei und Festigung der eidgenössischen Landschaften im Tessin: das war ihr Ziel - das letzte Aufleuchten des eidgenössischen Grossmachtgedankens in der Europäischen Geschichte. Um dieses Ziel wurde damals gerungen; denn ihm war ein mächtiger Gegner erstanden im französischen König Franz I. Mit dreifacher Überlegenheit stand er dem eidgenössischen Heer in Oberitalien gegenüber und verfügte über starke Artillerie und Reiterei, wovon die Schweizer nichts besassen.

 

So stürzten sie sich wie Löwen in die Schlacht, die Mann an Mann und Brust an Brust anderthalb Tage dauerte.

Und als sie sich beim Auftauchen des mit den Franzosen verbündeten venezianischen Reiterheeres zurückziehen mussten - 7000 Eidgenossen lagen schon erschlagen auf der Kampfstätte - , da sammelten sie, was noch zu sammeln war, in ihren berühmten Viereck und Igelharst, nahmen Verwundete und Panner in ihre Mitte, wie Holder es später gewaltig malte, und zogen, vom Gegner unbehelligt, vom blutgetränkten Schlachtfeld ab.

Das war kein geschlagenes Heer.

Das war eine aus ehrenhafter Niederlage stolz und ungebeugt sich zurückziehende Heerschar, die eine der glänzendsten Seiten unserer Kriegsgeschichte geschrieben hatte. Der dunkle Tag von Marignano war wohl das Ende schweizerischer Grossmachtträume. Aber er wurde ein befreiendes Erwachen zur Selbstbescheidung und Selbstbeisinnung. Wir erkannten, dass die Sendung unseres Landes nicht darin besteht, mitzuhassen und mitzukämpfen, sondern mitzulieben und mitzudienen.

 

Mit dem Rückzug von Marignano begann unser Rückzug in die Neutralität, freilich eine wehrbereite, bewaffnete Neutralität.


Noch heute zehren wir alle den Früchten jener Tat.

Und doch erinnert kein Denk und Mahnmal dort unten auf dem Schlachtfeld vor den Toren Mailands an jene gefallenen Helden. Fast alle wichtigen Ereignisse unserer nationalen Geschichte haben ihre Denkmäler gefunden, der Untergang der Schweizergarde in Paris sogar das herrlichste von ihnen, das Löwendenkmal in Luzern.

Die Kämpfer von Marignano aber warten heute noch auf ihr verdientes Ehrenzeichen.

So hat sich jetzt eine Gruppe von 21 Männern zusammengetan - es sind die Unterzeichneten, Offiziere, Politiker, Vertreter der Wissenschaft, des nationalen Schrifttums, des Felprediger, der Wirtschaft und vor allem auch unserer Italienschweizer -, um auf den 450. Jahrestag der Schlacht drunten auf dem Schlachtfeld selbst ein einfaches, würdiges und kunstgerechtes Grab und Mahnmal zu setzen.

 

Marchese Brivio, dessen Familie seit jener Epoche im Besitze des Schlachtfeldes steht, stellt grosszügig das Terrain dauernd zur Verfügung.

Der italienische Staat erlaubt gerne die Errichtung dieses schweizerischen Denkmals, da jene Schweizer Krieger ja nicht gegen Italien, sondern im Fernziel eigentlich schon für dessen Einigung kämpften. Und der Innerschweizer Bildhauer Bisa arbeitet bereits an einem mächtigen Granitblock, dessen Vorderfront in Reliefdarstellung einen Kämpfer zeigt, der seinen sterbenden Kameraden schützt.

 

Darüber steht die Inschrift: "Ex clade salus" - Aus der Niederlage erwächst Heil!


Für das Denkmal aber fehlen uns noch wesentliche Mittel.

Doch wir geben uns der frohen Hoffnung hin, dass schweizerischer Sinn für Würde und Dankbarkeit uns diese Mittel nicht verweigern wird. So richten wir an Sie dies warme und herzliche Bitte, uns durch einen kräftigen Beitrag an unser Vorhaben zu helfen. Sie, Ihre Kinder und Enkel werden dereinst stolz darauf sein, zu diesem eidgenössischen Mahnmal beigetragen zu haben.

 

Helfen Sie mit!
Mit freundeidgenössischem Gruss.


 

Das Komitee Pro Marignano

Philipp Etter, alt Bundesrat, Bern (Präsident)


Oberstkorpskommandant Franz Nager, Zürich


Oberstdivisionär Carlo Fontana, Thalwil


Carlo Beeler, Hotel Savoia-Beeler, Nervi (Genua)


Dr. Georges Bonnand, Schweizer Generalkonsul in Mailand


Dr. Guido Calgari, Professor an der ETH, Zürich


Fernand Cottier, ancien Conseiller national, Genève


Dr. Siegfried Frey, Direktor der Schweiz Depeschenagentur, Bern


Mgr. Josefus Hasler, Bischof von St. Gallen. St. Gallen


Dr. H. C. Meinrad Inglin, Schriftsteller, Schwyz


Dr. H. C. Robert Käppeli, Riehen


Oberst Dr. Karl Kistler, Zollikon


Prof. Dr. Ant. Largiadèr, Zürich


Albin Peter Menz, Zentralpräsident der Schweizervereine in Italien. Mailand


Prof. Dr. Karl Schmid, alt Rektor der ETH, Bassersdorf


Dr. Emil Steffen, Mailand


Dr. Hermann Stieger, Brunnen


Prof. Dr. Georg Thürer, Teufen AR


Dr. Peter Vogelsanger, Pfarrer am Fraumünster, Zürich


Prof. Dr. Jakob Wyrsch, Stans


Dr. H. C. Maurice Zermatten, Schriftsteller, Sion

 

3. April 1965